Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz - Dunkelziffer schadet Unternehmen

6. Dezember 2018
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz - Dunkelziffer schadet Unternehmen

Sexuelle Belästigung stellt gerade Frauen vor Herausforderungen: Wie sollen sie auf die Grenzüberschreitung reagieren, wie können sie sich zur Wehr setzen? Mit dieser Frage müssen sich auch Betroffene im beruflichen Umfeld auseinandersetzen, vielleicht sogar häufiger, als ihren Führungskräften bewusst ist.

Denn Studien lassen darauf schließen, dass die Dunkelziffer von Vorfällen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in deutschen Unternehmen erschreckend hoch ist. Während 60 Prozent aller Frauen bereits mindestens eine Form der sexuellen Belästigung erfahren haben, wurden bei über 170.000 Beschäftigten in fünf Dax-Konzernen in den letzten zwei Jahren nur elf solcher Fälle gemeldet. Das fand eine Umfrage Anfang des Jahres heraus – die übrigen 25 Dax-Unternehmen waren nicht bereit, über Fallzahlen Auskunft zu geben.

Warum melden Frauen sexuelle Belästigung im Job so selten?

In der Öffentlichkeit rückte Belästigung zuletzt durch die #Metoo Bewegung stärker ins Bewusstsein. Gesellschaftliche Debatten über den Umgang mit diesen Vorfällen wurden angestoßen, Frauen wurden ermutigt, sich umgehend und deutlich zur Wehr zu setzen. Forschungen legen jedoch nahe, dass in der Praxis nach wie vor die Angst vor den Folgen einer solchen Reaktion überwiegt.

In einer Studie wurde beispielsweise eine Testgruppen von Student*innen zu einem Jobinterview eingeladen. Eine Vergleichsgruppe sollte sich diese Situation nur hypothetisch vorstellen. Beide Gruppen wurden nun mit drei sexuell belästigenden Fragen konfrontiert, ob sie es beispielsweise wichtig fänden, bei der Arbeit einen BH zu tragen.

In der Gruppe, die sich das Szenario nur vorstellte, gaben über zwei Drittel an, sie würden in solch einer Situation die Antwort verweigern. Ein Drittel würde die Belästigung ignorieren, rund jede zehnte Teilnehmer*in würde das Interview abbrechen oder sich sogar bei den Vorgesetzten beschweren. Die tatsächlich Betroffenen zeigten hingegen ein in Belästigungssituationen typisches Verhaltensmuster: Etwa 20 Prozent nahmen die Fragen ernst, 40 Prozent merkten zwar an, dass eine oder mehrere dieser Fragen für das Interview irrelevant seien, aber jede Teilnehmer*in beantwortete letztendlich alle drei Fragen.

„Ärger führt zu Aktivität, Furcht hingegen zu Passivität.“

Diese Furcht hält Betroffene im Alltag davon ab, Fehlverhalten aktiv anzusprechen.

Wie schadet diese Praxis den Unternehmen?

Das eigentliche Problem offenbart sich schließlich in der realen Reaktion auf gemeldete Belästigungsfälle: Die Furcht der Betroffenen erweist sich oft als begründet. Durch den Mechanismus der Schuldumkehrung werden die belästigten Personen ein zweites Mal zum Opfer, beispielsweise durch den Vorwurf, zu übertreiben oder etwas missverstanden zu haben. Durch die Verharmlosung wird ihnen die Belästigungserfahrung abgesprochen und oft sogar ungerechtfertigter Weise eine Mitschuld gegeben.

Im Unternehmen kann das so weit führen, dass Betroffenen üble Nachrede unterstellt wird. In 80 Prozent der Fälle ändert sich nach der Meldung einer Belästigung nichts, in weiteren 16 Prozent verschlechtert sich die Situation für die Betroffenen sogar noch weiter, etwa durch verringerte Karrierechancen, soziale Ausgrenzung oder neuerliche Diskriminierungsvorfälle. Eine unerträgliche Situation, aus der die Belästigten oft keinen Ausweg sehen.

Da die Datenlage für Mobbingfälle am Arbeitsplatz im Vergleich zu der geringen Zahl an gemeldeten sexuellen Belästigungen deutlich aussagekräftiger ist, lohnt sich ein Blick auf deren Folgen für Unternehmen: Von Mobbing Betroffene werden 60 Prozent häufiger krankgeschrieben als ihre Kolleg*innen, durch Mobbing entsteht der deutschen Wirtschaft durch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein direkter Schaden von fast fünf Milliarden Euro.

Weiterhin wechseln Frauen, die belästigt wurden, mit 6,5-mal höherer Wahrscheinlichkeit den Job als nicht Betroffene. Erhöhte Personalfluktuationen ziehen für Unternehmen immense Folgekosten nach sich, da besonders in Zeiten des verstärkten Fachkräftemangels immer teurere Recruiting-Maßnahmen notwendig werden.

Was können Arbeitgeber/innen tun?

Oft existieren in den betroffenen Unternehmen sogar Regelwerke, wie bei einem Belästigungsfall zu reagieren ist. Eine Studie aus der Schweiz zeigt jedoch, dass solch eine Vereinbarung im Ernstfall wirkungslos ist. Vielen Frauen sind diese Reglements zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht bekannt und in der Untersuchung gaben zwei Drittel der Betroffenen an, sich trotzdem nicht vom Unternehmen bei der Aufklärung des Falles unterstützt gefühlt zu haben.

Damit sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz frühzeitig und intern aufgeklärt werden kann, ist eine schriftliche Vereinbarung also untauglich. Stattdessen muss allen Mitarbeitenden ein möglichst niederschwelliger und barrierefreier Zugang zu einer Beschwerdestelle ermöglicht werden. Insbesondere um Unsicherheit und Furcht zu minimieren, ist ein anonymer Zugang zu einer solchen Beschwerdestelle äußerst wirksam. So werden Betroffene ermutigt, sich Hilfe zu suchen, ohne Angst vor Benachteiligung fürchten zu müssen.

Erfahren Sie, wie Sie Ihre Mitarbeitenden vor sexueller Belästigung schützen können